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Das Treffen war geheim: Im September 1837 kamen neun Personen in der guten Stube des Oldenburger Glasers Carl Weichardt am Stau zusammen und gründeten die dritte Baptistengemeinde in Deutschland.

CarlWeichardt

In Hamburg und Berlin gab es schon welche. Aber eigentlich durfte nur die Staatskirche Gottesdienste abhalten und Kirchengemeinden gründen. Kein Wunder, dass in den ersten Jahren etliche Gemeindemitglieder große Schwierigkeiten bekamen, empfindliche Strafen zahlen mussten und sogar im Gefängnis landeten.

Aber die Baptisten hatten dennoch reichlich Zulauf. Von Anfang an galt: Jeder soll selbst entscheiden, ob er als Christ leben möchte - nicht seine Eltern, nicht die Tradition. Darum wurden nicht Kinder getauft, sondern Menschen, die „mit Ernst Christen“ sein wollten. Solche Gedanken waren in einer Zeit, in der die Aufklärung mit ihren Gedanken über das individuelle Selbstbestimmungsrecht immer mehr Freunde gewann, von Teilen der Gesellschaft sehr geschätzt. Andere bekämpften sie als revolutionär. Dabei ging es den Baptisten nur um die konsequente Weiterführung der Reformation. Die Trennung zwischen Staat und Kirche passte ihrer Meinung nach besser zu den Anliegen der Reformatoren.

Bereits nach 25 Jahren, im Jahr 1862, wurden die Baptisten in Oldenburg staatlich anerkannt. Da gab es im Großherzogtum schon sieben Gemeinden mit über 2000 Gottesdienstbesuchern.

Im gleichen Jahr wurde in Oldenburg in der Wilhelmstrasse auch die erste Baptistenkirche gebaut. Sie dient heute der jüdischen Gemeinde als Synagoge. Später, für fast 70 Jahre, versammelten sich die Oldenburger Baptisten in ihrer zweiten Kirche im Steinweg. Sie ist inzwischen einem Anbau des Evangelischen Krankenhauses gewichen. Seit 1973 steht die Kreuzkirche in Eversten.

Wesentlich beteiligt an der Gründung der Gemeinde in Oldenburg - und auch an der Verbreitung des Baptismus auf dem europäischen Kontinent insgesamt - war der aus Varel stammende Kaufmann Johann Gerhard Oncken. Nach einem Aufenthalt in England, wo es Baptisten bereits seit 1610 gab, kam er als Buchhändler nach Deutschland zurück. Er nahm Kontakt auf zu kleinen Gruppen überall in Deutschland, die sich zum Bibellesen trafen und darüber diskutierten, wie eine Kirche nach dem Vorbild des Neuen Testamentes aussehen könnte. So schreibt Oncken auch als Begründung, warum in kurzer Zeit so viele Baptistengemeinden entstanden, lapidar: „Die Bibel ist schuld.“ Bis heute spielt das gemeinsame Bibellesen und -verstehen eine große Rolle in der Gemeinde. Sowohl in Gemeindeseminaren in der Kreuzkirche als auch in so genannten „Hauskreisen“, also in Wohnzimmern, wo man wie damals in der Gründerzeit miteinander über Bibeltexte und ihre Anwendung für das eigene Leben diskutiert.

In Deutschland gibt es zurzeit über 60.000 Baptisten in rund 600 Gemeinden. Sie sind mit einigen so genannten „Brüdergemeinden“ verbunden in der größten deutschen Freikirche, dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.

Die Überzeugung der „ersten Stunde“, dass Christsein mit einer persönlichen mündigen Entscheidung verbunden sein soll und dass Menschen getauft werden, die sich zu ihrem Glauben bekennen, verbindet nach wie vor die rund 50 Millionen Baptisten auf der ganzen Welt. So setzen sich Baptisten auch weltweit für Religionsfreiheit und die Wahrung der Menschenrechte ein.